Eine starke Cybersecurity bedeutet Staatsfähigkeit
Für mich als Systemhacker beginnt der Hackerangriff auf die Berliner Stadt-verwaltung nicht bei Rhysida, sondern bei einer unbequemen Wahrheit über Digitalisierung: Je mehr der Staat digital erledigen kann, desto mehr digitale Türen besitzt er auch. Zwischen dem 7. und 12. August konnten Angreifer mehrere Tage unbemerkt Daten aus Teilen des Berliner Landesnetzes abziehen. Am Ende standen rund 1,44 Millionen Dateien beziehungsweise 5,8 Terabyte außerhalb der staatlichen Kontrolle. Was früher hinter Mauern, Aktenschränken und Zugangskarten lag, verteilt sich heute über Server, Fachver-fahren, Accounts und Schnittstellen. Und jedes zusätzliche digitale Medium erweitert seine Angriffsfläche. Digitalisierung erhöht also seine Agency, aber sie vergrößert gleichzeitig die Fläche, über die ihm diese Agency wieder genommen werden kann.
Am 14. August bemerkte Berlin den Angriff, die Täter forderten anschließend 2 Millionen Euro Lösegeld und veröffentlichten nach Ablauf ihres Ultimatums die gestohlenen Daten im Darknet. Damit endet der Angriff aber nicht – eigentlich beginnt hier erst seine zweite Phase. Namen, Telefonnummern, Personalangelegenheiten und andere personenbezogene Informationen können laut BSI gezieltere Phishing-Angriffe oder Identitätsmissbrauch erleichtern. Sicherheitsrelevante Informationen könnten dabei wiederum neue Angriffsmöglichkeiten eröffnen. Der erste erfolgreiche Einbruch ist deshalb im Denkraum von Homo Dividuum ein Domino Zero: Aus einem Cyberangriff können Monate oder Jahre später weitere Hacks, Täuschungen und Manipulationen hervorgehen, deren Verbindung zum ursprünglichen Vorfall kaum noch sichtbar ist.
Eine Datei ist für mich nicht einfach nur Information auf einer Festplatte – sie kann Agency in Wartestellung sein. Wer weiß, wie eine Behörde aufgebaut ist, wer welche Funktion besitzt, welche Infrastruktur wo liegt oder welche internen Abläufe gelten, kann daraus neue Möglichkeiten zum Handeln ableiten. Nach Medienrecherchen sollen sich unter den veröffentlichten Daten sogar Unterlagen zu kritischen Infrastrukturen und Bundesbelangen befinden, deren genaue Tragweite derzeit noch geprüft wird. Das BSI warnt ausdrücklich davor, dass Informationen über kritische Infrastrukturen die Bedrohungslage erhöhen können. Der Hack verschiebt damit Agency: Wissen, das zuvor dem Staat half, seine Systeme zu organisieren, kann nach dem Leak plötzlich anderen helfen, genau diese Systeme gezielter anzugreifen.
Wir behandeln IT-Sicherheit noch erstaunlich oft wie eine Spezialaufgabe der Technikabteilung, dabei ist sie längst Teil der Frage, ob ein digitaler Staat überhaupt zuverlässig handeln kann. Nach dem Angriff mussten Systeme untersucht, Sicherheitsmaßnahmen verschärft und zeitweise beispielsweise Homeoffice-Zugänge eingeschränkt werden. Zugleich kritisieren IT-Sicherheitsexperten, dass Geheimschutzvorgaben möglicher-weise nicht ausreichend umgesetzt worden seien. Wenn Behörden ihre Daten, Identitäten und Kommunikationswege nicht schützen können, verlieren sie nicht bloß Dateien, sondern Handlungsspielraum, Vertrauen und Agency. Im Denkraum von Homo Dividuum ist Cybersicherheit deshalb keine technische Fußnote der Digitalisierung, sondern eine Voraussetzung für Staatsfähigkeit.
Genau hier zeigt sich eine der unangenehmsten Asymmetrien digitaler Macht: Ein Staat muss enorme, historisch gewachsene Systeme mit unzähligen Beschäftigten, Anwendungen, Passwörtern und Schnittstellen verteidigen – ein Angreifer muss nur an einer ausreichend schwachen Stelle durchkommen. Dass die Täter laut bisherigen Erkenntnissen mehrere Tage im Netz agieren konnten, bevor der Angriff bemerkt wurde, macht diese Asymmetrie anschaulich. Große Organisationen besitzen zwar wesentlich mehr Ressourcen als eine Hackergruppe, aber ihre Größe erzeugt gleichzeitig Komplexität und damit neue Verwundbarkeit. Big State bedeutet im Digitalen deshalb nicht automatisch Big Security.
Besonders interessant wird der Fall dort, wo gestohlene Daten nicht mehr nur als Beute dienen, sondern als Material für öffentliche Erzählungen. Das BSI warnt allgemein vor Hack-&-Leak-Operationen, bei denen echte Dokumente gezielt veröffentlicht und möglicherweise aus ihrem Zusammenhang gerissen oder mit irreführenden Deutungen verbunden werden. Diese Gefahr ist gerade vor Wahlen relevant, auch wenn das BSI den Berliner Angriff bislang grundsätzlich als finanziell motiviert einschätzt und die Berliner Wahlumgebung nach Angaben des Landeswahl-leiters nicht betroffen ist. Damit kann ein Cyberangriff vom technischen Raum direkt in die Infosphäre springen: Erst wird ein Server kompromittiert, anschließend vielleicht Vertrauen, Öffentlichkeit und Deutungshoheit. Ein Computerhacker muss deshalb irgendwann nicht mehr nur Firewalls verstehen, sondern als Mind Hacker auch Narrative.
Und genau daraus entsteht für mich das Paradox der Digitalisierung des Staates. Je stärker die Verwaltung digitalisiert wird, desto schneller kann er Informationen verarbeiten, Leistungen anbieten, Systeme vernetzen und damit seine Agency steigern. Doch dieselbe Vernetzung macht ihn zugleich abhängiger von einer technischen Infrastruktur, deren Ausfall oder Kompromittierung seine Handlungsfähigkeit massiv begrenzen kann. Berlin zeigt damit sehr bildhaft, dass Digitalisierung Agency nicht einfach erzeugt, sondern Agency in Informationstechnologie verlagert. Der ent-scheidende Satz lautet deshalb: Je digitaler der Staat wird, desto wirkmächtiger kann er werden – und desto hackbarer wird seine Wirkmächtig-keit zugleich.